Was hat es ausgelöst, dass Sie Pianistin werden und ihr Leben der Musik widmen wollten - oder sind Sie einfach mit der Musik gross geworden ?

Meine Mutter war Pianistin und Klavierpädagogin, mein Vater Bauingenieur und Schriftsteller - beide Eltern stammten aus Familien mit reichem kulturellem Background. Ich war schon immer ein „artistisches" Kind, das gerne gesungen und getanzt hat, Theaterrollen auswendig lernte und vor allem gerne am Klavier sass. Ich bin mit viel Liebe in einer künstlerischen Umgebung aufgewachsen; am Klavier habe ich mich einfach immer glücklich gefühlt, und irgendwann wusste ich: das ist es.

Es gibt zwei Pfeiler Ihrer Tätigkeit: Konzertpianistin und Pädagogin - wie hat sich das bei Ihnen entwickelt ?

Ab meinem 22. Lebensjahr war ich Solistin der Litauischen Philharmonie und habe - in der damaligen Sowjetunion und in Polen - ausschliesslich konzertiert. Nach meiner Emigration nach Israel 1973 begann ich neben meiner Konzerttätigkeit am Conservatory of Music of Tel Aviv zu unterrichten. Dabei entdeckte ich, für mich selbst überraschend, eine grosse Neigung zur pädagogischen Arbeit. Ich meine, aus meiner Lehrtätigkeit in Israel und später in der Schweiz als Musikerin und Mensch mehr gewonnen zu haben als durch die „Selbstdarstellung" auf dem Podium.

Wie verstehen Sie Ihre persönliche Rolle als Pädagogin ?

Als grosse Verantwortung. Gegenüber dem Schüler als Menschen, gegenüber der Musik. Jede Begegnung mit dem Schüler bei der Arbeit an einem Klavierwerk ist eine Station auf dem Weg in das Innerste dieses Werks, ist Verstehen und Vollziehen. Es geht mir nicht darum, den Schüler zur korrekten Ausführung von Anweisungen anzuhalten, sondern darum, in ihm den Künstler zu wecken. Ihm den Mut zu machen, sich selber als Gestalter des Werks zu begreifen. Ich verstehe meine Rolle als Pädagogin auch so, dass sie nicht in Stundenpläne einteilbar ist. Ich kann einen Schüler nicht unterrichten, wenn ich auf die Uhr schaue - und wenn dabei für eine einzige Partiturseite ein ganzer Nachmittag verstreicht.

Welche Kriterien muss eine Schülerin oder ein Schüler erfüllen, damit Sie ihn in Ihre Klasse aufnehmen ? Wie definieren Sie Talent, und wie erkennen Sie es ?

Es gibt keine Kriterien, die mir grundsätzlich erlauben, einen Schüler abzuweisen. Soviel ich Zeit habe, unterrichte ich.

Heinrich Neuhaus and Esther Yellin

Esther Yellin

Und ich bin Optimistin, geduldig, fasse nicht gleich ein Urteil und lasse der Entwicklung Zeit. Manchmal erlebt man dabei echte Wunder. Es widerstrebt mir, den Begriff der Talentlosigkeit überhaupt anzuerkennen. Immerhin wäre es unverantwortlich, einem Schüler zu raten, eine Karriere als Konzertpianist anzustreben, wenn er nicht über entsprechende manuelle Voraussetzungen, musikalische Vorstellungskraft und unverwechselbare Persönlichkeit verfügt.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen grossen Pianisten aus ?

Letztlich einfach seine Fähigkeit, die Idee, die er als grosser Musiker von einem Werk hat, durch das Instrument zu vermitteln.

Sie wurden von Heinrich Neuhaus unterrichtet. Was war für Sie das Faszinierende an ihm als Mensch, Pianist und Pädagoge?

Diese unglaubliche Ausgewogenheit zwischen den beiden Polen: grosse Leidenschaft und klarer Geist. Als Pädagoge hat er uns unendliche Dimensionen der Musik eröffnet und uns gleichzeitig die pianistischen Mittel aufgezeigt, um uns zu ermöglichen, den „Flug" in diese Dimensionen anzutreten. Einerseits hat er von uns kompromisslose Treue zum Text verlangt und uns in dieser Verantwortung gnadenlos in die Pflicht genommen.

Esther Yellin im Gespräch
Anderseits hatte er eine ausserordentlich behutsame Beziehung zur individuellen Begabung eines jeden Schülers. Als Pianist besass er die phänomenale Fähigkeit, das Klavier in ein Gesangsinstrument zu verwandeln. Wie kein anderer beherrschte er die Poesie des Rubato-Spiels, ohne dabei im mindesten die architektonische Ausgewogenheit des Werkes zu verlieren. In der Klasse absolut unerbittlich, verflüchtigte sich die Distanz zu ihm im privaten Umgang. Im privaten Umgang spürten wir Schüler, wie er uns liebte. Ausserdem waren wir als Schüler uns bewusst, dass Heinrich Neuhaus nicht nur ein überragender Musiker, sondern auf Grund seiner universellen Bildung und seiner gelebten Humanität eine überragende Gestalt unserer Zeit war.

Was haben Sie bei Heinrich Neuhaus gelernt, was hat er Ihnen auf den Weg
gegeben ?

Er hat mich wachsen lassen und mir die Erlaubnis erteilt, ich selbst zu sein und meine Persönlichkeit auch in der Musik so zu leben, wie es mir entspricht. Er hat meiner Phantasie die Richtlinien gegeben.

Welche Rolle spielt die Technik, wie wird sie weitergegeben ?

Die Technik ist die Fähigkeit, künstlerische Vorhaben zu realisieren. Je differenzierter die Vorstellungskraft des Künstlers ist, desto ausgeprägter wird seine Technik. Ich bin der Meinung, dass die täglichen Arbeitsstunden am Klavier nicht Drill sein sollten. Es sollten Stunden inspirierter Arbeit sein, gleichgültig ob man nur eine bestimmte Passage oder einen Werkteil übt. Es gibt keine Trennung zwischen Musik und Technik. Dann öffnen sich die Türen. Es öffnet sich zum Instrument der natürliche Zugang, man wird mit ihm eins. Aus diesem Prozess ist selbstverständlich die rationale Analyse nicht auszuschliessen.

Wie haben Sie die letzten zehn Jahre erlebt ?

Die Arbeit war natürlich sehr intensiv. Ich habe trotz der Probleme mit der Finanzierung der Heinrich Neuhaus Stiftung wirklich Zeit gefunden, mich in die Musik zu vertiefen und mit vielen talentierten Schülern spannende und interessante Stunden zu erleben.

Was fällt Ihnen bei Schweizer Studenten, die zu Ihnen kommen, auf ?

Positiv: Ihre Ehrlichkeit, Bescheidenheit, innere Sensibilität und Disziplin. Negativ: Ihre grossen Hemmungen, sich emotional auszudrücken.

Wie sehen Sie Ihre Rolle im Musikleben der Schweiz ?

Grosse Kultur entsteht durch Offenheit und Aufnahmefähigkeit. Ich meine auf Grund meiner Herkunft, meines biographischen und künstlerischen Schicksals in der Schweiz eine Tradition vertreten zu können, die in der Ausbildungspraxis und in der Interpretation des fundamentalen Klavierrepertoires andere, hier gut gepflegte Traditionen ergänzt und hoffentlich bereichert.